
Wenn Pflanzen trösten - für eine achtsame Begleitung am Lebensende
Vor über zwanzig Jahren absolvierte ich meine Ausbildung zur Hospizhelferin, parallel zu meiner Vollzeitausbildung zur Heilpraktikerin. Die Themen „Tod, Sterben und Trauer“ begleiten mich seit meiner Jugend intensiv und haben mich sicherlich auch in meinem Werdegang tief eprägt. In der buddhistischen Praxis ist die Vergänglichkeit ein wiederkehrendes Thema in der meditativen Praxis. Alte Pfade zu ergründen bedeutet auch immer, sich mit der eigenen Vergänglichkeit bewusst auseinanderzusetzen. Wir sind nur eine sehr begrenzte Zeit in diesem Körper hier & jetzt. Ich möchte dazu einladen die Mysterien von Leben und Sterben zu erforschen – in Demut und Hingabe. Zu erkennen, dass wir nicht auf alles Antworten erwarten können … mit den Fragen zu leben und diese lieb zu gewinnen, wie Rainer Maria Rilke es so schön formulierte:
„Man muss Geduld haben
mit dem Ungelösten im Herzen
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.“
Diese Zeilen stammen aus einem Brief von Rainer Maria Rilke „An einen jungen Dichter“ (Franz Xaver Kappus), in dem sie eingestreut sind.

Die Themen Sterben, Tod und Trauer sind nach wie vor ein Tabu in unserer Gesellschaft und die Angst vor dem Tod vielleicht die größte Geisel der Menschheit. Cicely Saunders, englische Ärztin, Sozialarbeiterin und Krankenschwester, die als Begründerin der modernen Hospizbewegung und Palliativmedizin gilt, schreibt: „Sie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben können.“
Es ist wichtig, sich zu erinnern, dass wir bis zum letzten Atemzug leben, lebendige fühlende Wesen sind. Jeder Mensch, im Grunde jedes fühlende Wesen, hat ein Anrecht auf ein würdevolles Leben und Sterben. Niemand sollte verlassen und einsam sterben müssen. Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft alles Erdenkliche unternehmen, um ein menschliches, empathisches Umfeld zu schaffen, in dem Sterbende bis zuletzt LEBEN und in Frieden sterben können. Die Kräuterkunde hat in diesem Prozess sehr viele Schätze zu bieten. In diesem Beitrag kann ich nur ein wenig die Vielfalt innerhalb der Kräuterkunde streifen, daher werde ich mich auf einige Aspekte der Aromatherapie konzentrieren. Ich schätze die Welt der Düfte so sehr und freue mich, dass die Aromatherapie am Lebensende auch in Hospizeinrichtungen inzwischen einen festen Platz einnimmt. Ich möchte auch ergänzen, dass ich keine Anhängerin von „entweder-oder“ bin. Eine schulmedizinische palliative Versorgung und Begleitung ist sehr wertvoll, auch im Hinblick auf starke Schmerzen möchte ich die Palliativmedizin in keiner Weise missen.
Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross (1926–2004) gehört im Westen zu den Pionieren der Sterbeforschung. Sie hat den Sterbeprozess in fünf Phasen eingeteilt, die uns als Richtschnur dienen können. Sie laufen nicht bei jedem Menschen exakt gleich oder verbindlich ab. Der Prozess des Lebens wie auch des Sterbens bestimmt sich stets ein Stück weit selbst - ähnlich wie bei der Geburt. Aromaöle sind sehr wertvoll, um diesen Prozess so tragend und achtsam wie möglich zu gestalten. Ich habe einige Impulse zu der jeweiligen Phase beigefügt. Es ist in meinen Augen nicht nur wichtig, die verschiedenen Pflanzen zu studieren, sondern auch die Prozesse, die der Mensch im Sterben durchläuft.
Erste Phase: Verleugnung und Verdrängung
Man möchte die Situation nicht wahrhaben, Gefühle von „gelähmt sein“ können auftreten.
Aromaöl-Mischung nach Cordula Inglis: 100 ml Mandelöl werden 8 Tropfen Benzoe Siam, 10 Tropfen Neroli (10 %) und 15 Tropfen Bergamotte beigefügt. Das Aromaöl 1–3 x täglich in die Fußsohlen und gegebenenfalls auf den Solarplexus einreiben (alternativ auch in die Handinnenflächen).
Zweite Phase: Wut und Zorn
„Warum ich?“ Verletzende Äußerungen, tiefer Kummer, Verlustängste und auch Eifersucht können in dieser Phase des Sterbeprozesses auftreten und gerade für diejenigen eine Herausforderung sein, die begleitend zur Seite stehen.
Aromaöle: Lavendel fein, Römische Kamille oder Benzoe Siam als Einzelöle in der Aromalampe oder im Vernebler
Dritte Phase: Verhandeln
In dieser Phase fokussieren sich Menschen im Sterbeprozess auf die Dinge, die ihnen sehr wichtig sind. Sie stellen sich Fragen wie z. B.: „Was möchte ich noch tun, bevor ich sterbe? Was kann ich noch tun? Welches Ereignis (z. B. Hochzeit, Geburt, Fest etc.) möchte ich noch miterleben?“ Wir alle kennen diese Fragen aus schweren Krisenzeiten, wo wir mit Gott (oder einer anderen Instanz) innerlich in Verhandlung gehen.
Aromaöl-Mischung nach Cordula Inglis: 50 ml Mandelöl werden jeweils 5 Tropfen Bergamotte, türkische Rose 10 %, Lavendel fein und Zeder beigefügt. Das Aromaöl 1–3 x täglich in die Fußsohlen und gegebenenfalls auf den Solarplexus einreiben (alternativ auch in die Handinnenflächen).
Vierte Phase: Trauer
In dieser Phase erfolgt oft ein Rückblick, welche Lebensziele/Wünsche versäumt oder nicht realisiert wurden. Welche Chancen wurden verpasst? Versäumtes wird betrauert und die Menschen ziehen sich in dieser Phase des Sterbeprozesses oft zurück; Depression und tiefste Verzweiflung können zutage treten. Zugleich liegt in dieser Zeit das Potenzial der Klärung und des Kraft-Sammelns für die Reise ins Unbekannte.
Aromaöle: Grapefruit, Douglasfichte, Weißtanne, Orange als Einzelöle in der Aromalampe oder im Vernebler
Fünfte Phase – das Ein- & Loslassen
In dieser Phase brauchen die Menschen viel Ruhe, sie ziehen sich innerlich zurück – es ist ihnen klar, in welche Richtung die Reise geht. Sie lassen sich auf den Weg ein und gleichzeitig los.
Aromaöle: Bergamotte, Lavendel fein, Ho-Blätter und türkische Rose, jeweils 5 Tropfen auf 50 ml Mandelöl.
Eine meiner Meisterpflanzen ist und bleibt die Rose. Sie ist eine bedeutsame Schwellenpflanze, sowohl beim Betreten dieser Erde und dieses Körpers wie auch beim Verlassen der irdischen Form. Ich habe auch schon viele unserer Tiergefährten auf diesem letzten Weg begleiten dürfen. In ihrem vertrauten Umfeld – zu Hause. Für mich selber schätze ich auch das Rosenhydrolat - für die Herzenspflege in herausfordernden Zeiten.

Für einen Tropfen Rosenöl benötigt man circa 30 ganze Rosenblüten. Die Rosenblüten werden vor Anbruch des Tages einzeln von Hand geerntet, was sehr aufwändig ist und die Kostbarkeit dieses Öls unterstreicht. Der Duft der Rose wird mit der Kraft der Liebe assoziiert, sie öffnet das Herz, harmonisiert und wirkt krampflösend.
Dosierung: Jeweils 2–7 Tropfen in die Aromalampe oder in den Aromavernebler (je nach Größe des Raumes). Alternativ können wenige Tropfen Aromaöl in das Körperöl beigemengt werden. Es empfiehlt sich, sehr behutsam zu dosieren: Weniger ist auch hier mehr.
Der Rose habe ich in "La vie en rose" einen eigenen Beitrag im Kräuterblog gewidmet.
Die Kräuterkunde und Komplementärmedizin bieten zahlreiche Schätze in allen Lebensphasen, von der Geburt bis zum Tod. Diese natürliche Reichtum ist sehr kostbar und in der Anwendung und bei unserem jeweiligen Gegenüber zu berücksichtigen. Interessierten lege ich sehr ans Herz, sich z. B. mit der Basalen Stimulation in der Sterbebegleitung zu befassen. Die Basale Stimulation ist gerade dann, wenn Menschen nicht mehr sprechen, sich selbst berühren oder bewegen können, eine wichtige Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten. Auch finde ich es sehr bedeutsam, dass wir in der Begleitung so achtsam wie möglich agieren. Vor allem wenn sich unser Gegenüber nicht mehr wie gewohnt äußern kann. Es ist wichtig die persönlichen Vorlieben und Bedürfnisse zu kennen und zu berücksichtigen. Nicht jeder schätzt die Naturheilkunde, nicht jeder ist offen für die Aromatherapie. Gehen wir behutsam vor in der Begleitung, so wie wir es für uns selbst uns wünschen würden.
Abschließend möchte ich gerne die fünf Dinge mit dir teilen, die Sterbende am meisten bereuen – entnommen aus dem gleichnamigen berührenden Buch von Bronnie Ware. Vielleicht erkennst du dich in dem einen oder anderen wieder? Für mich sind sie wertvolle Wegweiser auf meinem Weg.