Das echte Labkraut mit goldgelben Blüten auf einer Sommerwiese

Galium verum - echtes Labkraut

Das echte Labkraut steht nun in voller Blüte in der Nähe meines Zuhauses. Man sagt, dass es nur an besonderen Orten wächst – an Orten der Glückseligkeit. Was für ein Segen!

In der germanischen Mythologie wurde das echte Labkraut der Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Freya gewidmet. Man legte es gebärenden Frauen ins Bett, vermutlich zu ihrem Schutz. Im Christentum wurde es Maria zugeschrieben, die das Jesuskind auf dieses heilbringende Kraut gebettet haben soll.

Das echte Labkraut ist meines Erachtens hierzulande eher in Vergessenheit geraten. Auf meinen Kräuterführungen oder privaten Spaziergängen mit verschiedenen Menschen fällt mir immer wieder auf, dass diese strahlende Schönheit vielen unbekannt ist.#

Labkraut 1

Echtes Labkraut in Rumänien: Sânziene und Johannistag

In meinem Heimatland Rumänien ist das echte Labkraut immer noch eng mit Mythen und Traditionen verbunden, die ich euch hier kurz vorstellen möchte. Das Fest der Sânziene (Plural), also des echten Labkrauts, wird am 24. Juni, dem Johannistag, groß gefeiert. Vor allem in den Dörfern werden – je nach Region – verschiedene Bräuche bewahrt und gelebt.

Der Name Sânziana (Singular) wird mit der römischen Göttin Diana in Verbindung gebracht, der Patronin der Jagd und der Wälder sowie Beschützerin der Frauen und Mädchen. Auch die Daker verehrten bereits vor der römischen Prägung der Region weibliche Gottheiten. In manchen Überlieferungen wird Sânziana mit einer heiligen, leuchtenden Gestalt verbunden: „Santa“ im Sinne von „heilig“ und Diana, abgeleitet vom Lateinischen „dius“ – taghell, leuchtend. So erscheint Sânziana als „die Leuchtende“.

Das Fest der Sânziene wird deshalb häufig auf ältere, vorchristliche Traditionen zurückgeführt, die später mit römischen und christlichen Einflüssen verschmolzen.

Kleiner geschichtlicher Exkurs

Das Gebiet des heutigen Rumäniens wurde unter anderem vom Volk der Daker geprägt. Später wurde ein Teil des Gebietes zur römischen Provinz Dacia, bis sich das Römische Reich im Jahr 271 n. Chr. daraus zurückzog.

Die Sânziene: Feen des Lichts und der Blütenkraft

Im Süden Rumäniens gelten die Sânziene als gute und wunderschöne Feen, die Liebe, Harmonie, Güte und Frieden in die Herzen der Menschen bringen. Sie sind der Sonne und dem Licht geweiht und bekämpfen das Böse.

In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni öffnet der Himmel seine Pforten. Die Sânziene treten stets gemeinsam auf – zu dritt, zu fünft, zu siebt, zu neunt oder zu zwölft. Diese Zahlen zeigen, dass es sich um eine magische Feengesellschaft handelt.

Sie können die ganze Nacht über durch die Lüfte schweben. Sie singen und tanzen in weißen Gewändern, flechten aus Wiesenblumen Haarkränze, verleihen den Sommerblumen heilsame Düfte und Kräfte, schenken verheirateten Frauen und der Erde Fruchtbarkeit und lassen die Tiere sprechen.

Eine magische Nacht, in der Sterbliche keinen Zutritt erhalten. Neugierige Beobachter ereilt, so heißt es, ein böses Unheil: Entweder verfallen sie dem Wahnsinn oder bleiben für immer stumm.

In manchen Regionen sagt man den Sânziene nach, dass sie in ihrer Festnacht den Männern die Köpfe verdrehen und eine unwiderstehliche Macht über sie ausüben können.

Die Legende von Sânziana aus der Bukowina

Weiterhin las ich eine berührende Geschichte aus der Bukowina, im Norden Rumäniens, über Sânziana, ein bettelarmes Waisenmädchen. Dies sei, so erzählt man, die „wahre“ Geschichte des Heilkrauts.

Sânziana suchte Liebe und Geborgenheit bei den Dorfbewohnern, doch diese begegneten ihr mit Kälte und verstießen sie. In ihrer Hütte betete sie jeden Tag für die Menschen in ihrem Dorf. Sie wünschte sich, dass der liebe Gott ihnen Güte, Gnade und Nächstenliebe schenken möge.

Sânziana war von Liebe erfüllt, die sie an die Tiere und Vögel weitergab, mit denen sie lebte. Doch eines Tages wurde sie sehr krank. Ihr Leib war schwer und von Fieber gebeutelt. Kraftlos lag sie auf ihrem Reisigbett. Ihre treuen Tiergefährten umsorgten sie mit allem, was sie brauchte, doch nichts half. Linderung verschaffte ihr nur das Zwiegespräch mit Gott.

Eines Tages betrat eine alte Dame ihre Hütte: die Heilige Vineri, also die Heilige Freitag. Sie sprach:

Sânziana, du warst so schön und zart wie eine Blume. Ab jetzt sollst du als wunderschöne Blume leben. Du wurdest verstoßen und gedemütigt – nun soll man dich aufsuchen und lieben. Du wirst als Heilige verehrt, weil du den Menschen Heilung bringst.“

Der Segen wurde ausgesprochen und Sânziana verwandelte sich in eine wunderschöne goldene Blume. Ihre kreuzförmigen Blüten sollen daran erinnern, dass sie eine Heilige ist. Ihr zarter Duft versprüht Güte, Barmherzigkeit und Glauben.

Bräuche rund um das Echte Labkraut

Solche Mythen leben durch das magische Fest weiter, das auch heute noch in Rumänien gefeiert wird. Junge Mädchen tragen weiße Kleider als Zeichen der Reinheit, und ihre Haare sind mit einem Labkrautkranz geschmückt. Sie tanzen im Kreis, der Horă, als Symbol der Unendlichkeit und des Lebenskreislaufs.

Heiratswillige Mädchen werfen ihren Blumenkranz aufs Dach. Bleibt er dort hängen, so heißt es, wird das Mädchen noch im selben Jahr heiraten. Ich erinnere mich gut daran, dass man ein Sträußchen Labkraut unter das Kopfkissen legen konnte, um in der Johannisnacht vom Auserwählten zu träumen.

Zum Schutz von Haus und Hof hängt man Labkrautkränze an die Eingänge. In der Nacht werden Feuer entzündet, Heilpflanzen dem Feuer übergeben, es wird gesungen und getanzt, um böse Geister zu vertreiben.

Echtes Labkraut als Verbindung zu unseren Ahnen

Das echte Labkraut ist eine Zeitzeugin über Jahrhunderte – eine Verbindung zu unseren Ahnen. Manche Überlieferungen sind gut erhalten, andere sind verloren gegangen.

Es bleibt dennoch magisch, in diese Welt der Bräuche einzutauchen und festzustellen, wie tief vorchristliche Rituale, christliche Feste, Volksglaube und Naturverehrung miteinander verwoben sind – und wie sie bis heute weitergetragen werden.

Eure Herbahex

PS: Du interessierst dich für Kräuter und Brauchtum? Im Frauendreißiger wird in unserem Kulturraum, vor allem im Alpenland, der Brauch des Kräuterboschens gepflegt. Hier bekommst du einen kleinen Einblick über das Ritual des Kräuterboschen bindens.

Kosan

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