Blüte sucht Insekt – das magische Netzwerk von Pflanzen und Bestäubern

Blüte sucht Insekt - warum Wildpflanzen und Bestäuber für unsere Natur so wichtig sind Kräuterkunde mal anders

Bei dem Thema Bestäubung denken wir vor allem an unsere Honigbienen oder Hummeln, die nun bereits fleißig am Sammeln sind. Glücklicherweise ist durch das große Bienensterben in den vergangenen Jahren viel Positives zugunsten der Honig- und Wildbienen geschehen. Immer mehr Menschen engagieren sich im Bienenschutz, widmen sich der Hobbyimkerei oder beziehen regionalen Honig vom Imker ihres Vertrauens.

Als Kräuterliebende lieben wir unsere Wild- & Heilpflanzen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass es diese ohne unsere wilden Bestäuber gar nicht gäbe. Daher geht die Liebe zur Kräuterkunde für uns Hand in Hand mit der Liebe zu Insekten und der Achtung vor der Biodiversität unserer heimischen Natur.

Denn nicht nur Wildbienen und Hummeln tragen zur wunderschönen Vielfalt auf unserer Erde bei, sondern auch die weniger geschätzten Fliegen, zahlreiche Käfer, Wespen, Hornissen und Nachtfalter. Viele spezialisierte Wildpflanzen profitieren kaum vom fleißigen Werk der Honigbienen.

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Wildpflanzen und Bestäuber – ein magisches Netzwerk

Das Netzwerk des Lebens ist wahrlich magisch und je mehr ich mich damit befasse, umso mehr komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier in unserem Friedensgarten lerne ich beständig neue Insekten und Käfer kennen, die ich hier zum allerersten Mal sehe. Seit vergangenem Jahr begleiten uns hier die Hornissenköniginnen im Mai und heuer haben wir sogar die Ehre, dass eine in unserem Garten einzieht. Natürlich nicht in die vorgesehene Hornissenvilla, sondern in ein schönes Vogelhaus aus Holzbeton. Seitdem ich mich näher mit Hornissen befasse, bin ich voller Bewunderung für diese erstaunlichen Geschöpfe. Auch sie tragen zur Bestäubung verschiedener Wildpflanzen bei, denn sie ernähren sich nicht nur von anderen Insekten, wie ich früher dachte.

Es ist ein komplexes Netzwerk, die Beziehung zwischen Insekten und Pflanzen, und viele Pflanzen gäbe es ohne ihre spezialisierten Insektenfreunde nicht – und umgekehrt. Denn die Pflanzen dienen nicht nur als Nahrung, sondern auch als Zuflucht und Ort der Eiablage.

Es ist ein sensibles Netzwerk und allzu oft stört der Mensch dieses Ökosystem, oft auch ohne es zu wollen. Jede Wiese, jeder Wald, jede Hecke besteht aus einem komplexen Geflecht wechselseitiger Abhängigkeiten.

Nehmen wir z.B. den Salbei, der inzwischen bei uns heimisch geworden ist. Salbei reagiert mechanisch auf die Bewegung einer Hummel oder größeren Wildbiene. Kriecht eine tief genug in die Blüte, werden die hebelartigen Staubblätter gesenkt und der Pollen dadurch gezielt am Insekt auf dem Rücken abgestreift. Clever, oder?

Rotklee wiederum hat sehr lange Blütenröhren, besonders gut geeignet für Hummeln mit langem Rüssel. Kurzrüsselige Insekten dagegen beißen gern die Blüte seitlich an, um an den köstlichen Nektar zu kommen – eine wirksame Bestäubung findet dabei aber nicht statt.

Unter den Insekten gibt es auch Spezialisten, die an ganz bestimmte Pflanzen gebunden sind. Einige Glockenblumenarten z.B. werden ausschließlich von spezialisierten Glockenblumen-Wildbienen besucht. Oder nehmen wir den wunderschönen Natternkopf. Dessen Existenz ist eng verwoben mit der Natternkopf-Mauerbiene. Verschwindet die Pflanze, verschwindet oft auch die dazugehörige Wildbiene.

Entscheidend ist daher die Vielfalt im naturnahen Garten. Laden wir wieder heimische Wildpflanzen in unsere Gärten ein. Lassen wir diese wilder werden, unordentlicher, dann finden nicht nur Insekten, sondern auch zahlreiche andere Wildtiere wieder genug Nahrung.

Der magische Schlüssel ist die Vielfalt.

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Warum auch Fliegen, Wespen und Hornissen wichtig sind

Doldenblütler wie die Wilde Möhre, der Fenchel, die Engelwurz oder der Wiesenkerbel wirken auf den ersten Blick unscheinbar. Doch diese Doldenblüten bieten üppige Büffets für zahlreiche Schwebfliegen, Wespen, kleine Käfer und viele andere Insekten. Gerade die verschmähten Fliegen gehören weltweit zu den bedeutenden Bestäubern – vor allem zu Zeiten, in denen Bienen weniger aktiv sind. Sie sind nicht nur „lästig“, sondern bedeutsam in diesem Netzwerk des Lebens. Ein Grund mehr, auf Fliegenfallen und Fliegenklatschen zu verzichten.

Auch Wespen und Hornissen besuchen regelmäßig Blüten. Auch diese beiden haben es schwer mit uns Menschen. Wir haben oft Angst vor ihnen und was uns Angst macht, das vernichten wir Menschen allzu gern. Zum Thema Wespen und Hornissen kann ich die Seite von Herrn Tauchert HIER sehr empfehlen. Er hat uns wunderbar beraten mit unseren Hornissenköniginnen.

Betrachten wir z.B. den Efeu, welcher sehr spät im Jahr blüht. Im Herbst wird er intensiv von Fliegen, Wespen, Bienen und Schwebfliegen besucht. Für viele Insekten ist der Efeu eine der letzten großen Nahrungsquellen vor dem Winter. Es ist im Übrigen eine Mär, dass Efeu Bäume erstickt. Auch hier finden sich komplexe Wechselbeziehungen, die wir uns näher anschauen können.

Beifuß, Wermut & unscheinbare Pflanzen mit großer Bedeutung

Manche Pflanzen kommen zudem so unscheinbar daher, dass wir sie gar nicht mit Insekten in Verbindung setzen. Wermut und Beifuß zum Beispiel, meine liebsten Artemisien. Viele Artemisia-Arten dienen verschiedenen Schmetterlingsraupen als Futterpflanzen. Die relativ späte Blüte des Beifußes macht ihn zu einer wichtigen Nahrungsquelle im Hochsommer und Frühherbst. Käfer, Schwebfliegen, Fliegen und kleine Wildbienen besuchen ihn gern. Auch wenn diese Pflanzen überwiegend windbestäubt werden, stehen sie in enger Verbindung zu zahlreichen Insekten.

Und hier zeigt sich wieder ein interessanter Aspekt in der Natur: Manche wichtige Pflanze für Insekten kommt eben nicht mit spektakulären Blüten daher, sondern ist eher ein stiller Begleiter am Wegesrand.

Hier in unserem Friedensgarten blüht z.B. auch das Echte Labkraut (Galium verum), das ich sehr liebe. Es heißt, es wachse gern an Glücksplätzen. In jedem Fall erweckt es mannigfache Glücksgefühle in mir, wenn ich es rieche und sehe. Labkräuter werden ebenfalls gern von Fliegen, Wildbienen und sogar Nachtfaltern besucht. Denn manche Labkräuter entfalten besonders nachts stärkere Duftnoten – ähnlich wie die Nachtkerze, die mit ihrem Duft ebenfalls gern Nachtfalter anzieht.

Neophyten und Biodiversität – differenziert betrachtet

Das Leben geschieht nicht „one way“ oder eindimensional. Wir sind vielschichtige, komplexe Wesen, deswegen ist es auch nicht hilfreich, in ein Entweder-oder-Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen. Neophyten wie z.B. die gefürchtete Herkulesstaude oder das Indische Springkraut sind nicht per se schlecht – im Gegenteil.

Der Riesenbärenklau (Herkulesstaude) z.B. gilt in Deutschland als invasiver Neophyt und wird vielerorts bekämpft – vor allem wegen seiner starken Ausbreitungsfähigkeit und seiner phototoxischen Wirkung auf die Haut. Es ist wichtig, ihm mit äußerster Achtsamkeit zu begegnen, denn seine Pflanzensäfte können in Verbindung mit Sonnenlicht mitunter schwere Verbrennungen verursachen. Es ist zwar so, dass er in manchen Lebensräumen heimische Arten verdrängen und dadurch Pflanzengesellschaften verändern kann. Aber ihn nur als „schädlich“ zu betrachten, wird ihm wahrlich nicht gerecht. Seine riesigen Dolden – wenn es einmal zur Doldenbildung kommen darf – sind reich an Nektar und Pollen. Sie werden intensiv von Schwebfliegen, Wespen, Honig- & Wildbienen und Käfern besucht. Gerade für kurzrüsselige Insekten sind die offenen Doldenblüten perfekte Landestationen und Schlaraffenländer. Wir tun daher wohl daran, aus dem Schwarz-Weiß-Denken auszusteigen und in das vernetzte Denken einzutreten.

Der Verlust der biologischen Vielfalt ist daher das eigentliche Problem. Wenn artenreiche Wiesen verschwinden, dann verlieren Insekten nicht einfach nur einige Blumen. Sie verlieren Nahrung, Eiablageplätze, Raupenfutterpflanzen, Überwinterungsorte – und wir Menschen verlieren ebenso.

Was wir von Pflanzen und Insekten lernen können

Wenn wir Blüten betrachten oder verarbeiten, erinnern wir uns daran, dass diese nicht nur „Deko“ oder „Geschmack“ sind, sondern Nahrung, Lockruf, Treffpunkt und Signal für vielfältige Mitgeschöpfe. Viele Blütenformen, Düfte, Farben, Blühzeiten und Nektarmengen sind überhaupt erst durch die gemeinsame Evolution mit Insekten entstanden. Blüten sind sichtbare Zeugnisse jahrmillionenalter Beziehungsgeflechte. Ist das nicht erstaunlich?

Aber kehren wir zum Abschluss zu meinem geliebten Beifuß zurück. Der Beifuß-Mönch z.B. ernährt sich als Raupe vom Wermut und vom Gewöhnlichen Beifuß. Er mag unordentliche Ruderalflächen, die es heute immer weniger gibt. Auch der Bräunlichgraue Beifuß-Mönch, ein Nachtfalter, braucht den Beifuß. Ebenso der Beifuß-Blütenspanner. Spannerraupen sind oft hervorragend getarnt und wirken wie kleine Zweige oder Pflanzenteile. Ein Grund mehr, beim Sammeln noch achtsamer hinzuschauen. Beifuß bietet zudem Lebensraum für zahlreiche Kleinschmetterlinge.

Viele der ökologisch bedeutsamen Pflanzen Mitteleuropas sind keine prachtvollen Gartenblumen. Es sind oft jene Pflanzen, an denen wir achtlos vorbeigehen: Beifuß, Brennnessel, Labkraut, Disteln, Rainfarn, Wegwarte oder Wilde Möhre. Und viele der daran gebundenen Insekten fliegen nachts, sind klein, unscheinbar oder gelten als „lästig“.

Ohne Insekten gäbe es die Vielfalt der Blüten und Pflanzen in der Natur nicht. Ein Grund mehr, sie als Kräuterkundige aus tiefstem Herzen zu achten und zu lieben …

Kosan

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